Mit dem Hausboot auf der Havel

Hausboot

Es ist noch kein Matrose vom Himmel gefallen!

Wer stand nicht schon einmal am Ufer und blickte sehnsüchtig auf vorbeifahrende Boote, auf welchen man sogar übernachten kann. Ach muss das schön sein! Heutzutage auch kein Problem mehr, denn man kann sich so ein Hausboot vielerorts mieten und auf einigen Gewässern sogar ohne Führerschein damit fahren. Das ist nicht immer lustig, birgt gewisse Tücken und verlangt vorausschauendes Denken, wie wir bei der Verwirklichung unserer romantischen Träume erfahren mussten. Auf jeden Fall war es ein unvergessliches Erlebnis.

Karte

Es ist 11.30 Uhr als wir in Himmelpfort Pian ankommen. Wir stellen das Auto etwa 100 m vorm Steg ab und laufen zu den Booten. Dort ist man fleißig beim Putzen und sagt uns, wir können in einer halben Stunde mit der Einweisung beginnen. Da ein Boot ausgefallen ist, haben wir Glück und bekommen ein Größeres.

Erste Fahrstunde mit Torsten

Torsten zeigt uns dann alle wichtigen Details zum Boot; Wassereinfüllstutzen, Anker, Toilettenspülung, Gaskocher, Beleuchtung, Batterieschalter und ein gutes Dutzend weiterer Einzelheiten. Dann legen wir ab, natürlich mit Torsten, einem brandenburger Urgestein mit Charakterkopf. Ein schmales Kinnbärtchen lenkt von anderen Details ab. Torsten scheint leidenschaftlicher Raucher zu sein, aber seine humorlosen Witze kommen irgendwie nicht so richtig an. Er redet viel und erklärt wenig.

Wir fahren lediglich einen Bogen und sollen dann am Steg anlegen. Ich versuche, längsseits zu kommen, aber der Wind drückt zu stark dagegen, also nochmal zurück und neuen Anlauf genommen. Besser. Es sieht eigentlich ganz gut aus, zumindest bis zu dem Moment, in welchem Torsten hektische Kommandos gibt.
„Gas weg, Ruder nach links (Backbord, obwohl ich nach rechts wollte), kurz Gas rückwärts! Nach links! Gas weg! Wieso lenkst Du denn nach rechts? Du willst doch nach rechts, da mußt du nach links lenken.“

Irgendwie gelingt es doch und Elvira schlingt gekonnt den Knoten um die Haltewinkel oder wie sich die Dinger da nennen. „Hat ja ganz gut geklappt,“ findet Torsten, „ da könnt ihr ja jetzt mal einen Versuch allein machen“.
Wir sollen rückwärts raus fahren, wenden, noch etwas weiter raus, dann zurück und anlegen.
Erst mal kein Problem, aber beim Anlegen erwischt uns dann wieder der Wind und Elvira kann vom Heck aus den Steg nicht erreichen. Die Vermieterin und Torsten helfen, ziehen das Boot mehr heran, als das wir anlegen.
„Na also, jetzt könnt ihr`s ja. Um 14.00 Uhr machen wir dann noch eine Einweisung zum Regelwerk“ meint Torsten, welcher die folgende Pausenzeit eifrig zum Rauchen nutzt.

Wir richten uns ein

Nun dürfen wir unser Boot beladen. Ich hole das Gepäck vom Auto und Elvira bezieht die Betten. Die Bettwäsche stammt bestimmt noch aus Restbeständen von DDR Kinderferienlagern und der Stauraum für die sonstigen Dinge ist sehr beschränkt. Jeden Moment erwarte ich Elviras Flucht oder gar die Aufkündigung unserer Beziehung, aber sie ist doch härter im Nehmen als gedacht.

Kajüte

Ein Opa als Spanner

Gegen 14:00 Uhr treffen wir uns dann zur theoretischen Einweisung, bei den Finnhütten am Ufer mit Torsten. Der Personenkreis ist um zwei weitere Bootsbesatzungen gewachsen. Ein junges Pärchen und ein weiteres Paar mit einem etwa 7-jährigen Jungen, welches zur tatkräftigen Unterstützung auch noch den Opa mitgebracht hatte.
In der auserwählten Finnhütte war allerdings gerade eine Frau dabei sich ihrer Badebekleidung zu entledigen um wieder in »trockene Tücher« zu schlüpfen, was den Opa wiederum dazu veranlasste, sich am Eingang aufzubauen, um mehr Einblicke in das dortige Geschehen zu erhaschen.
»Einen kleinen Moment bitte! Ich bin gleich fertig«, bat die Dame höflich aber bestimmt um etwas mehr Privatsphäre. Aber Opa ließ sich nicht so einfach vertreiben: »Ja, ja, machen sie nur in Ruhe«, und musterte sie noch einmal ausgiebig, ehe er zögerlich davonschlich. Der weitere Nachmittag hielt dann für ihn allerdings keine erfreulichen Momente mehr bereit. Aber der Reihe nach...

 

Torsten beseitigt alle Klarheiten

Es folgte die Einweisung der Freizeitkapitäne in die Theorie des Wasserstraßenrechts. Torsten versucht den trockenen Unterrichtsstoff mit seinen humorlosen Witzen aufzulockern, während wir Bootsleute damit beschäftigt sind, die von ihm aufgebrachten Unklarheiten in Fragen umzuformulieren. Im weiteren Unterrichtsverlauf stellt sich jedoch schnell heraus, dass Torsten nicht der Typ für erklärende Antworten ist. Im Gegenteil, mit jeder Minute kommt mehr Unsicherheit auf.

Regeln
Diese Erklärung hatte Torsten nicht gegeben

So erläutert er die Selbstbedienungsschleusen an Hand von unkenntlich kopierten Bildern, welche besser für einen Psychotest geeignet scheinen.
»Wenn Ihr schleusen wollt, fahrt ihr einfach an die Schleuse ran und macht dann so!« Den Satz beendete Torsten mit einer Handbewegung, welche ihn in Robert Lemkes »Was bin Ich« glatt zum Spitzenkandidaten gemacht hätte. Keiner von uns verstand, was er damit meinte, und wenn man jetzt einen Comicfilm daraus gemacht hätte, wären über unseren Köpfen Sprechblasen mit Fragezeichen aufgeploppt. In einer Stunde schaffte es Torsten, sämtliche Klarheiten zu beseitigen. Dafür verteilt er zum Abschied gönnerhaft ein paar Getränkegutscheine, erklärt noch genau wo er wohnt und wenn wir dort vorbei kommen, dürfen wir ihn gerne auf ein Bier einladen. Elvira und ich sehen uns kurz an und wissen sofort, was wir denken. Wir nehmen die andere Richtung.

Jetzt geht es los

Endlich können wir in See stechen, freuen uns, haben allerdings ein wenig Bammel vor der Schleuse, welche bereits am gegenüberliegenden Ufer unausweichlich auf uns wartet. Das junge Pärchen erzählt uns noch, dass sie eigentlich nicht so viel fahren, sondern mehr ankern und angeln wollen. Aha, denke ich, auch Schiss gekriegt. Langsam fahren wir auf die Schleuse zu, so haben wir Gelegenheit, die Gegebenheiten  zu mustern. Die Warteplätze davor sind allesamt belegt und wir sind gezwungen, noch etwas zu kreuzen. Dies gibt jedoch Gelegenheit, das Boot bei den vorherrschenden Windverhältnissen besser kennenzulernen. Die Schleuse öffnet sich und wir beschließen den Durchgang noch abzuwarten und erst die nächste Runde zu nehmen, damit wir auf Grund unserer Unkenntnisse nicht sofort als blutige Anfänger von allen belächelt werden.Schleuse

Man hilft sich, auch wenn es gefährlich wird

Hinter uns rauscht derweil das Boot mit Opa heran und wir sind froh, einen weiteren Neuling dabei zu haben. Vermittelte der Opa doch ein wenig das Gefühl, sowas schon einmal gemacht zu haben. So lassen wir denen beim Anlegen den Vorrang und das Manöver sah von uns aus betrachtet auch recht gut aus. Natürlich lassen sich die Aufgaben mit vier Besatzungsmitgliedern auch deutlich besser verteilen als zu zweit.

Aber Opa weiß, was unter Wassersportlern Ehrenpflicht ist und kommt uns zu Hilfe. In seinem Eifer lässt er jedoch die Beschaffenheit des Uferbodens außer acht und tritt mit einem Bein in ein Erdloch, welches mit viel grünem Überwuchs getarnt, auf solche Möchtegernmatrosen wie uns lauerte. Es war auch nicht das Einzige seiner Art, denn als wir unsere Boote vom Ufer aus weiter nach vorne ziehen, um Platz zu schaffen, für ein ankommendes Boot in dreifacher Größe, tritt Opa noch in zwei weitere Löcher. Nass, bis zu den Knien zieht er wütend weiter. Wir folgen, bis genug Platz frei ist.

Für die Hilfe beim Anlanden des »Riesenkahns« fühlen wir uns nun verantwortlich. Elvira nimmt die vordere Leine, schafft es jedoch nicht, diese um einen Holzpflock zu schlingen, da eine Windböe das Schiff wieder vom Ufer wegdrückt. Nun versuchen wir gemeinsam, es ans Ufer zu ziehen. Da jedoch am Heck jeglicher Halt noch fehlt, stellt sich das Gefährt quer.

»Wir müssen neu ranfahren« entschied ein Besatzungsmann mit Schiebermütze, die ihn wohl zum Kapitän küren sollte. Wir geben die Leine frei. Das Heck dreht jedoch langsam aber stetig weiter auf unser kleines Hausboot zu. Dies weckt den Beschützerinstinkt in Elvira, die an Bord unseres Schiffchens eilt, bereit sich dem nähernden Ungetüm mit der gesamten Kraft ihrer Arme, entgegenzustemmen.

Noch mehr Dödel

»Unser Omma hat´n Motor abjewürcht«, erklärt der Schiebermützenheini an Bord. Oh je, die haben auch keine Ahnung, wurde mir schlagartig klar. Elvira hatte derweil einen Fender (so nennt man die Gummiballons, die man zum Schutz vor Beschädigungen außen am Boot hängen hat) an die gefährdete Stelle gehängt und stemmt sich tapfer gegen die Massen des Ungetüms. Ich stehe in Schockstarre am Ufer, bin allerdings jederzeit bereit Elvira zu retten. Zu meiner linken nähert sich der Opa inzwischen neugierig, tritt jedoch erneut in ein Loch und klatscht fluchend zu Boden.

Endlich springt der Motor wieder an und der Kahn kann navigieren, zurück auf den See. Elvira konnte den Schaden zwar verhindern, hat dafür aber vier Finger leicht blutig. Opa hinkt angeschlagen zu seinem Boot zurück.

Die Schleuseneinfahrt klappt ja noch

Dann öffnet sich das Schleusentor und ein Boot fährt heraus. Wo wir herkommen, will anscheinend niemand hin. Die Ampel springt auf Grün und wir können einfahren.

Schleuse

Opas Boot zuerst, dann wir. Uns folgt ein Zweisitzer-Sportboot, welches auf der rechten Seite festmacht, dahinter der große Kahn. Leichter Angstschweiß tritt aus den Hautporen im Stirnbereich, denn es ließ sich nicht verbergen, bei denen hatte niemand je Seeluft geschnuppert. Aber die Schleuse ist breit und auch sie wählen die rechte Seite und schaffen es irgendwie.

Probleme bei der Ausfahrt

Das Fiasko beginnt mit der Ausfahrt in einen kleinen Kanal. Opas Boot fährt vorweg und wir lassen dem Zweisitzer die Vorfahrt, tuckern mit Abstand hinterher. Welche Besonderheiten Opas Besatzung in der Poole-Position, direkt hinterm Schleusentor und im engen Zufahrtskanal zu einem Anlegemanöver bewegen, wird sich auch im Nachhinein nicht mehr klären lassen.

Auf jeden Fall gerät der Konvoi ins Stocken, und da sich nun herausstellte, dass auch im Zweisitzer nur Landratten saßen, nahm das Chaos seinen Lauf. Die Beiden wollen großzügig etwas Platz machen, da Opas Boot sich quer stellt und droht unkontrolliert den Kanal zu versperren.

Das Sportboot bewegt sich rückwärts, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bei dem man bemerkt, dass wir bereits folgen. Langsam zwar und mit viel Abstand, aber doch näherkommend. Wir wiederum wissend, dass hinter uns der »Kutter« folgt. Vier Besatzungen, wohl allesamt den ersten Seetag auf engstem Raum zu einem Flottenmanöver gezwungen, für das keine Taktik bekannt war.

Szenen wie bei 007

Die Panik bricht im kleinsten Kettenglied aus und der Sportbootfahrer hämmert den Gashebel seiner Schaluppe ohne jegliche Leerlaufpause nach vorn. Die Antriebsschraube quittiert den Befehl mit einem grässlichen Geräusch, entschließt sich jedoch sofort, der Anweisung zu folgen. Ein mächtiger Strudel am Heck zeugt von der unbändigen Kraft ihrer Flügel.

Das Boot schießt augenblicklich voran, zielt auf das Heck von Opas Boot, der mit offenem Mund aufgerissenen Augen der Gefahr ins Auge blickt.
Die Insassen des Zweisitzers krallen sich fest, die Fliehkräfte müssen enorm sein, aber irgendwie gelingt es dem Steuermann, das Ruder herumzureißen. Krachend erreicht der Bug das Ufer, wird von der Wucht senkrecht in die Höhe geworfen, steht einen Wimpernschlag lang in der Luft.

Wir vergessen zu atmen. Wohin wird es kippen, nach links, dann landet es auf dem Heck von Opas Boot, oder wird es mit dem Kiel auf dem Ufer landen? Das Schiffchen entscheidet sich für Möglichkeit 3, kippt nach rechts mit halber Drehung, vermeidet somit das Kentern, landet wieder glücklich auf dem Wasser und schießt dann noch immer mit Vollgas und im Steuerbordmodus (rechts) im Bogen, glücklich eine Lücke erwischend, an Opas Boot vorbei den Kanal entlang. Danach ward es nie wieder gesehen.

Die Wucht der Wellen drückte Opas Boot nun längsseits an das Ufer, was der Vater des Jungen zu einem beherzten Sprung nutzt und die Leine festmacht. Auf der gegenüberliegenden Seite seines Bootes plätschert etwas im Wasser, schlägt wild um sich. Es ist Opa, der während der ganzen Aktion irgendwann über Bord ging und nun in zappelndem Freistil versucht, das rettende Ufer zu erreichen.

Entspannung zum Abend

Langsam fahren wir am Unglücksort vorbei, da es keine Verletzten gab. Elvira ist kreidebleich. Ihr wird gerade klar, worauf sie sich eingelassen hat. Die Weiterfahrt bis nach Bredeeiche verläuft ohne weitere Zwischenfälle und zeigt nun die schönen Seiten des Wasserwanderns.

Langsam löst sich die Anspannung. Was Elvira noch stört, ist die Tatsache, dass unser Pipi von der Toilettenspülung direkt ins Wasser geleitet wird. Wir werden das Klo nur im Notfall benutzen. Das Anlegen im kleinen Hafen gelingt erst im zweiten Versuch. Morgen früh erwartet uns gleich nach dem Ablegen wieder eine Schleuse.

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