Im heutigen Artikel geht es um eine Gaststätte, die Ihr unbedingt in weitem Bogen umfahrt. Oder ihr tragt es mit Humor, wie wir. Vorher unternehmen wir noch eine Rundreise um die Müritz und besuchen einen Arche-Tierpark mit alten Haustierrassen. Viel Spaß in Mecklenburg und an der Müritz…

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Erste Tagesstation ist Neustrelitz mit Besichtigung der Innenstadt. Die Straßen dort führen sternförmig vom Marktplatz in die Randgebiete. Es ist kühl heute, das Wetter schert ich nicht um das Heu auf den Wiesen. Wir fahren in den Ort Ludorf, am Westufer der Müritz, beziehen unser Quartier im Storchenzimmer des dortigen Gutshauses. Rustikal eingerichtet, vor allem wieder mehr Platz, als in der engen Bootskajüte.

Gutshaus in Ludorf

Zu Fuß gehen wir durch den Park an den Müritzsee. Windböen fegen über das Wasser, treiben dunkle Wellen mit weißen Schaumkronen vor sich her. Als wir bei der folgenden Ortsbesichtigung an der Kirche stehen, eilt sofort eine freundliche Dame vom Heimathaus herbei, um aufzuschließen. Fremde werden hier beobachtet, auch als wir die Landschaftskarte im Dorfzentrum studieren, ist sofort ein hilfsbereiter Bürger da, um uns zu beraten.

Kirche in Ludorf
Abends genießen wir das leckere Essen im „Morizaner“, dem zum Gutshaus gehörenden Restaurant. Ein wenig haben wir noch immer das Gefühl, das Boot schaukelt unter unseren Füßen, als wir über Treppen und knarrende Dielen zu unserem Zimmer gehen. Der Gleichgewichtssinn pegelt sich nur zögerlich ein.

Samstag

Heute unternehmen wir eine Erkundungstour rund um den Müritzsee mit dem Auto. In Alt-Gaarz besichtigen wir die uralte Holzkirche. Traurig sieht sie aus,g aus, wie sie so langsam verfällt. Weiter führt der Weg nach Rechlin und Boek. Hier geht es wirklich nicht mehr weiter, höchstens noch mit Pferdekutsche, Fahrrad oder zu Fuß. Im fortschrittlichen Dorf Bollerwieck erkunden wir die größte Steinscheune Deutschlands mit ihren Geschäften darin.

Steinscheune

Der Bauernmarkt in Klink entpuppt sich als Nepp. Wir fahren gleich weiter ins Müritzmuseum nach Müritz. Drei Stunden lang betrachten wir Interessantes aus Fisch-, Moor- und Vogelwelt. Wunderbar gestaltet und informativ.

Zurück im Gutshaus genießen wir den Abend bei einem Glas Wein in der Bibliothek mit Lesen und Schreiben.

Sonntag

Nach leckerem Frühstück starten wir nach Röbel. Wir laufen die ewig „Lange Straße“ hinab bis zum Hafen, vorbei an Backsteinhäusern und Kirchen. Geschichtsunterricht erhält man durch die Hinweistafeln an den Häusern. Sie berichten über ehemalige Hausbewohner und deren Leben zu anderen Zeiten. Wir erfahren, dass die Fischer sich immer an den zwei prächtigen Kirchtürmen orientiert hatten, wenn sie vom See kamen. Sah man sie direkt hintereinander, passte das Schiff genau durch die enge Hafeneinfahrt.

Lange Straße
In Malchow sehen wir uns zuerst die Müritzfischerei an, denn dort ist heute Tag der offenen Tür. Im Ortskern begeistert uns die Drehbrücke, die behäbig beiseite schwingt und den Schiffsverkehr passieren lässt. Dafür zahlt man dem Brückenwart einen Obolus. Am Kloster hören wir Klänge in Moll und Dur. Dort findet der Malchower Sängerwettstreit statt.  Im Innenhof herrscht  Gedränge am Kaffeestand. Dort sind zwei Damen damit beschäftigt, die einzige Kaffeemaschine in Gang zu halten. Mittlerweile wartet bereits ein ganzes Dauerwellengeschwader auf das köstlich schwarze Getränk. Wenn die Senioren um 15:00 Uhr ihren Kaffee wollen, dann kommt eine Haushaltsmaschine schnell an ihre Grenzen.

Über Hohen Wangelin erreichen wir Krakow. Unser Hotel„Ich weiß ein Haus am See“, ein ehemaliges Kinderferienlager, wurde vom jetzigen Besitzer aus Freiburg umgebaut. Es gibt 10 Zimmer und ein wunderschönes, Sterne gekröntes Restaurant, von dessen Wintergarten man einen weiten Blick über den Krakow See hat.

Ich weiß ein Haus am See

Montag

Heute mieten wir uns  zwei Fahrräder, strampeln anschließend auf idyllischen Wegen rund um den Krakower See. Wir rollen durch Serrahn, Neu Zietlow, Dobbin, vorbei an der stärksten Buche von Mecklenburg und landen wieder in Krakow. Der Ort wirkt recht verschlafen, dabei haben wir auf einen Bissen Räucherfisch gehofft. Am Aussichtsturm beschließen wir, uns die Landschaft mal von oben zu betrachten. Einhundertsechsundzwanzig Stufen sind es bis zur Plattform, dar Ausblick ist es wert.
Zurück in der Unterkunft versinken wir im Garten am Seeufer in einem Strandkorb und genießen den weiten Blick auf den See.

Seeblick

Dienstag

Ein unvergessliches Erlebnis erwartete uns an diesem Tag. Jedoch der Reihe nach. Für unsere Weiterfahrt haben wir die landwirtschaftlich geprägte Route gewählt.
In Lelkendorf besuchen wir einen Tierpark mit alten landwirtschaftlichen Haustierrassen. Hühner, Gänse, Schweine, Rinder, Ziegen, Schafe und Pferde auf einem mittelgroßen Gelände. Wir verbringen dort zwei Stunden, weil Elvira an jedes einzelne Tier eine persönliche Ansprache richtet. Hier werden Genreserven gehalten, auf die man gerne zurückgreift, wenn man endlich merkt, dass die heutigen Rassen in der Massentierhaltung in puncto Fleischqualität und Geschmack erhebliche Defizite aufweisen und der Verbraucher einen Richtungswechsel mit seinem Einkauf unterstützt.

Ferkel
Nächstes Ziel: „Schloß Mitzuko“ im japanischen Stil. Es liegt versteckt und das ist gut. Yin und Yang empfinden wir hier nicht im Einklang miteinander, es wirkt eher chaotisch. Begeistert hingegen sind wir vom Landwirtschaftsmuseum des Herrn von Thünen und lernen dort sein Stadtmodel vom isolierten Staat mit seinen fünf Wirtschaftskreisen kennen. Innen Gärten + Milchwirtschaft, dann Wald, Fruchtwechselwirtschaft, 3- Koppelwirtschaft und dann Weidewirtschaft. Elvira kauft Honig, der bis ans Lebensende reicht.
Weiter nach Walkendorf, zum Garten »an der alten Ausspanne«, welcher sich schlicht als halbbepflanzte Kräuterspirale entpuppt. Im Café, nur wenige Meter weiter, steht das Personal, zum Feierabendabflug bereit, in der Tür. Der Drahtesel daneben steht startbereit in Richtung Stall. In 30 Minuten fällt der Hammer. Daher wird unser Erscheinen mit einem ängstlichen, ja verstörtem Blick missbilligt. Wir behalten besser unser Geld im Portmonee.
Elvira wirft resigniert die Tourpläne ins Auto: „So, das war`s für heute.“ Wir fahren in das Schloss Kölzow. Dort wundert man sich über Gäste, fragt uns gleich, ob wir irgendwelche Gutscheine hätten, weil wir hier übernachten. Befürchtungen reifen, aber der erste Eindruck ist gut.. Die Rezeption empfiehlt uns zum Abendessen eine Gaststätte, welche sich zu Fuß erreichen lässt.

„Der Mecklenburger“ ist das einzige Restaurant im Umkreis von 20 km hier. Schon die Bezeichnung Restaurant lässt den nichtsahnenden Touristen in die Falle tappen.

Den Moment, in dem ich die Tür zur Wirtsstube öffne, werde ich nicht nie vergessen. »Whow!… So was gibt es noch?« Diesen Anblick hatte ich seit 23 Jahren nicht mehr, auch nicht den Geruch.
8 Tische, mit je 10 Plätzen waren jederzeit bereit, sofort zwei Busladungen Gäste aufzunehmen. In hüfthohen Holzkästen umrahmen künstliche Dieffenbachien die Tische. Die Staubschicht auf ihren Blättern regt zu geologischen Nachforschungen an und schien die Ursache für den vorherrschenden Duft zu sein. Eine filmreife Kulisse aus besten DDR-Zeiten. Jedes Verkäuferherz würde höher schlagen, wenn es hier seine Ware unters Volk bringen könnte: »Rheumadecken«.

Der Wirt (ca. 65 Jahre) schreckt sofort von seiner Zeitungslektüre auf.
»Gäste!« Damit hat er nicht gerechnet. Er begrüßt uns und deutet mit dem Arm einen Halbkreis schlagend an, dass wir uns nach Belieben platzieren dürfen.
Wir bestellen heute Bier, trauen uns nicht einem Wein dem muffigen Geruch auszusetzen. Die Speisekarte ist übersichtlich, was nicht schlecht sein muss, ihr vergilbtes Papier lässt das hohe Alter erahnen. Wir wählen die Rouladen mit Thüringer Klößen, ich noch eine Soljanka. Der Wirt schafft es sogar, auch Elvira die im Osten beliebte Restesuppe aufzuschwatzen. »Ihnen wird sonst ein Erlebnis der besonderen Art entgehen«, waren seinen Worte. Nun, später wussten wir, dass dafür bereits der Hauptgang genügt hätte.

Um die Wartezeit unterhaltsamer zu gestalten, schaltet der Wirt laute Musik an und verschwindet in der Küche. Als ungünstig erwies sich allerdings die Tatsache, dass im Nebenraum der örtliche Line-Dance-Club am Proben war. Helene Fischer und Jonny Cash klingen gemischt alles andere als melodisch. Eigenmächtig drehe ich die Saalbeschallung auf Null, damit Helene wieder durchatmen kann.. Als der Wirt mit der Soljanka erscheint, stutzt er kurz, serviert und schiebt dann die Falttüren zum Tanzbereich auf, in der Annahme, diese Musik würde uns besser gefallen. Die Tänzer freuen sich über das unerwartete Publikum und stampfen tüchtig auf den Parkettboden, manche sogar im Takt.

Die Suppe musste vom heißen Herd einen weiten Weg zurückgelegt haben und ließ sich, ohne pusten zu müssen, zügig löffeln. Menschen, mit empfindlichem Magen würde ich sie jederzeit empfehlen. Zur vollen Geschmacksentfaltung hatte die Küche auf Brot als Beilage verzichtet. Das übliche Häubchen aus Sauerrahm war der Einfachheit wegen bereits untergerührt, die Zitronenscheibe fehlte. Südfrüchte waren damals Mangelware.

Der Hauptgang besticht mit einer DDR typischen Einheitssoße, welche man in Honeckers Zeiten zu allen Fleischgerichten servierte, egal ob Schnitzel, Schweinebraten oder Gulasch. Hier gab es tatsächlich noch Restbestände dieses üblen Fertigpulvers. Glücklicherweise waren die Thüringer Klöße nicht mehr in der Lage, viel Flüssigkeit dieser Stippe aufzunehmen, und am Sellerie und der roten Beete hatte die Firma Kühne handwerklich solide Vorarbeit geleistet.
Die Fleischrolle ist gefüllt mit deftigem Speck, an welchem man Magerfleischanteile vergeblich sucht. Hier weiß man Schwarte noch zu schätzen. Wir »schafften« es nicht, die Teller zu leeren.

Beim Abräumen fragt uns der Wirt: »Hat es denn geschmeckt?«
»So etwas Besonderes habe ich schon lange nicht mehr gegessen. es war nicht so stark gewürzt, wie das heutzutage häufig der Fall ist und viele Gaststätten verderben mit ihren Kräutern den neutralen Geschmacke. Wunderbar weich gekocht und man musste keine Angst haben, sich zu verbrennen.«, antworte ich ihm.
Ich machte mir richtigerweise keine Sorgen, dass er verstand. Er freut sich sogar, über das umfangreiche Lob, preist ein selbstgemachtes Apfelmus mit Vanillesoße als Dessert an. Hastig lehnen wir ab.

Ich gewinne meinen Spaß an unserem Dialog und kann ich es mir nicht verkneifen, ihm ein dickes Lob über so viel „Ostalgie“ zu spenden, empfehle ihm sogar, damit zu werben, es sei doch schade, dass nicht mehr Gäste den Weg hier her finden, um die gute alte Zeit noch einmal aufleben zu lassen. Jetzt ist das Eis endgültig gebrochen und er strahlt, versucht lautstark seine Inge aus der Küche herbeizurufen und bringt damit die Tanzformation im Nebenraum völlig durcheinander. Er lobt die DDR-Zeit, wettert darüber, dass Frau Merkel den Griechen die Euros zuschustert, erzählt uns, wie er 20 Jahre lang mit der Bank gekämpft hat, um seine Kneipe zu kaufen. Früher, ja, da kam das halbe Dorf hier zum Essen, aber heute. Als er anfängt, seine Hausmannskost zu loben, welche die meisten Gäste ja überhaupt nicht zu schätzen wüssten, können wir das Lachen nicht mehr verhindern. Ich pruste in die Hand, simuliere einen Hustenanfall und drehe mich höflich beiseite. Elvira kramt tief in ihrer Handtasche. Wenn wir uns jetzt angesehen hätten, hätten wir lauthals lachen müssen.

Das Essen hatte die Nerven etwas empfindsamer gemacht und die zuvor unbemerkten Schwächen der Unterkunft, kommen plötzlich zum Vorschein. Die Handtücher sind hart wie Stroh, zumindest an den Stellen, an denen die ständig tropfende Dusche sie bisher nicht durchgeweicht hat. Als ich mich auf mein Bett setze, der nächste Schreck. Harte Matratzen auf einem Metallbandgeflecht, welches bei Bewegung einen unmelodischen blechernen Klang von sich gibt. Ruhig liegen bleiben, lautet heute Nacht die Devise. Plopp…..Plopp….Plopp…., tropft es aus der Dusche.

Im nächsten Artikel berichte ich von einer Schloßführung, die sich als Marathon entpuppte, einem Blütenmeer im Park, den sonnigen Seiten der Ostsee und einer Rückreise am „Tag der  offenen Gärten“.

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Romantik Hotel Gutshaus Ludorf

Haustierpark Lelkendorf

Müritzmuseum

Hotel „Ich weiß ein Haus am See“